Küblböck ist kein Einzelfall: So oft gehen Passagiere auf Kreuzfahrt-Touren über Bord

Kreuzfahrtschiff Aidaluna

Jedes Jahr verschwinden Menschen auf Kreuzfahrtschiffen. (Symbolbild)

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Carsten Rehder/dpa

Das Schicksal des Sängers Daniel Küblböck, der am Sonntag bei einer Kreuzfahrt in der Labrador See vor Neufundland verschwand und seither vermisst wird, ist kein Einzelfall:  Erst im August ging eine Britin von einem Kreuzfahrtschiff in der kroatischen Adria über Bord, die jedoch zehn Stunden später gerettet werden konnte.

Jedes Jahr verschwinden Menschen auf Kreuzfahrtschiffen – nicht nur durch Unfälle. Weltweit kämpfen Hinterbliebene für strengere Sicherheitsvorkehrungen – und stoßen auf Granit.

Jedes Jahr verschwinden 20 Menschen von Kreuzfahrtschifffen

„Tatsächlich verschwinden im Schnitt jedes Jahr über 20 Menschen von Bord eines Kreuzfahrtschiffes“, erläutert Ross Klein, Professor für Maritime Studien von der kanadischen Universität Neufundland.  Insgesamt 315 solcher Fälle hat der Kreuzfahrt-Experte seit dem Jahr 2000 dokumentiert.

Ein Teil der Vermisstenfälle sei auf Suizide zurückzuführen, erklärt der Experte, andere Fälle seien das Resultat unglücklicher Unfälle, oft als Folge von Alkoholmissbrauch. „Besorgniserregend ist jedoch, dass es in rund 30 Prozent aller Fälle keinen Anhaltspunkt gibt, was mit den Passagieren geschehen sein könnte“, sagt Klein. Der Strafrechtler und TV-Anwalt Alexander Stevens geht sogar so weit, das Kreuzfahrtgeschäft als „ein Eldorado für Mordgetriebene“ zu beschreiben.

Quälende Ungewissheit für Hinterbliebene

Für die Hinterbliebenen folgen in der Regel Jahre der quälenden Ungewissheit. Ein Mann, der dies am eigenen Leib erleben musste, ist der Amerikaner Kendall Carver. Seine erwachsene Tochter Merrian verschwand 2004 von Bord eines Kreuzfahrtschiffes. „Als Angehöriger habe ich sehr gelitten. Nicht nur, weil ich einen geliebten Menschen verloren habe, sondern vor allem, weil die Reederei mit allen Mitteln versucht hat, den Vorfall zu vertuschen“, erzählt er sichtlich bewegt per Videoanruf.

Die Tragödie beginnt am 1. September 2004, als Carvers Tochter plötzlich für mehrere Tage nicht zu erreichen ist. Carver findet heraus, dass sie Tickets für ein amerikanisches Kreuzfahrtschiff gekauft hatte. Er ruft die Reederei an, die ihm nach drei Tagen bestätigt, dass Merrian zwar an Bord gewesen sei, aber nach der zweiten Nacht ihre Kabine nicht mehr benutzt habe.

„Sie haben alles Mögliche getan, die Ermittlungen zu behindern“

„Hier begann für uns die Odyssee, sagt der alte Mann, tiefe Trauer in der Stimme. Nach Carvers Darstellung verweigert die Reederei seiner Familie die Kooperation und behauptet, Videoaufnahmen seien längst überspielt worden. „Sie haben alles Mögliche getan, die Ermittlungen zu behindern“, sagt Carver. Er alarmiert das FBI, engagiert Privatdetektive und reicht am Ende Klage ein. „Ich wollte mich von dieser milliardenschweren Maschinerie nicht unterkriegen lassen“, sagt er.

Viereinhalb Monate später entscheidet ein Gericht, dass Carver mit dem Steward sprechen darf, der für die Kabine seiner Tochter zuständig war. Dieser sagt aus, dass er Merrian bereits nach zwei Tagen vermisst gemeldet habe. Sein Vorgesetzter habe ihn jedoch angewiesen, die Sache einfach „zu vergessen“. Später habe dieser ihre persönlichen Gegenstände einfach entsorgt. „Jetzt wussten wir, dass wir es mit einer Vertuschungsaktion zu tun hatten“, sagt Kendall, seine Stimme bebend vor Wut.

„So schockierend das klingen mag - es ist fast schon ein typisches Verhalten“, urteilt Ross Klein. Negative Presse sei schlichtweg schlecht für das Geschäft. „Kreuzfahrtschiffe sind ein Wohlfühlprodukt. Deshalb würden Reedereien fast alles tun, um negative Berichterstattung zu verhindern“, meint er.

„Die Sicherheit unserer Passagiere ist für uns die oberste Priorität“

Im August – nach dem Fall der über Bord gegangenen Britin, aber vor dem Verschwinden von Daniel Küblböck – befragte die Deutsche Presse-Agentur (dpa) Reedereien zu dem Branchenthema, aber nur wenige reagierten. Eine davon war der deutsche Kreuzfahrt-Riese Aida, von deren Schiff Daniel Küblböck nun verschwunden ist: „Die Sicherheit unserer Passagiere ist für uns die oberste Priorität“, sagte Martina Reuter, Pressesprecherin von Aida Cruises, dem deutschen Zweig der britisch-amerikanischen Carnival-Gruppe. Das Problem an Notfallsystemen bei Mann über Bord sei, dass es dafür noch keine internationalen Standards gebe. „Trotzdem arbeitet Carnival an einer technischen Lösung“, sagt sie.

Aida-Konkurrent Tui Cruises («Mein Schiff») will sich nicht äußern und verweist auf den Verband der Kreuzfahrtindustrie Clia (Cruise Lines International Association). Dort heißt es, heutige Kreuzfahrtschiffe seien die sichersten, die jemals unterwegs gewesen seien. Sicherheitsvorkehrungen wie etwa einheitliche Mindesthöhen für die Reling seien da, um zu verhindern, dass Passagiere, die sich verantwortungsvoll verhalten, von Bord fallen können. „Es sind keine Fälle bekannt, bei denen jemand, der sich verantwortungsvoll benommen hat, versehentlich über die Reling eines Kreuzfahrtschiffes gefallen ist.“

Hochmodernes System soll Mann-über-Bord-Notfälle schneller erkennen

Die Kreuzfahrtgesellschaft MSC Cruises hatte Ende 2017 die Einführung eines videobasierten Notfallsystems an Bord seines neuesten Flaggschiffes verkündet und sieht sich hier als Branchenvorreiter. Das hochmoderne System soll Mann-über-Bord-Notfälle schneller und zuverlässiger erkennen.

Der Fall der verschwundenen Merrian bringt am Ende doch noch etwas Positives mit sich. Rund 14 Monate nach ihrem Verschwinden gründet Kendall Carver die «International Cruise Victims»-Organisation, eine Vereinigung, die nach eigener Darstellung «Opfer der Kreuzfahrt-Industrie» vertritt. „Wir wollten eine Plattform schaffen, auf der sich Angehörige gegenseitig unterstützen und auch politisch etwas ins Rollen bringen können.“ Dank seines Einsatzes verabschiedet der US-Kongress 2010 den „Cruise Vessel Security and Safety Act“.

Verschwinden muss innerhalb von vier Stunden gemeldet werden

Dieser sieht unter anderem 250 000 US-Dollar Strafe für Reedereien vor, wenn das Verschwinden eines Passagiers nicht innerhalb von vier Stunden gemeldet wird. Zudem schreibt er vor, dass Schiffe, die US-Häfen ansteuern, ein automatisches Man-Overboard-System installiert haben müssen. Grund zum Feiern ist das für die Hinterbliebenen jedoch nicht.

„Viele Reedereien haben das System auch bis heute nicht installiert. So kann es Stunden dauern, bis das Verschwinden eines Passagiers bemerkt wird“, sagt Jim Walker, einer der prominentesten Anwälte für Seerecht aus Miami, per Videochat. Er behauptet: „Den Reedereien geht es nur ums Geld. Es ist günstiger, einen Vermisstenfall zum Selbstmord zu deklarieren, als in teure Sicherheitssysteme zu investieren.“

(dpa/dmn)