Laumann im Interview: Lieber Selbstmord als ins Pflegeheim?

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„Wir behandeln die Alten wie Vieh!“, behautet TV-Star Uwe Kockisch.

„Wir behandeln die Alten wie Vieh!“, behautet TV-Star Uwe Kockisch.

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dpa

Berlin

„Wir behandeln die Alten wie Vieh!“ TV-Star Uwe Kockisch (64, Donnerstagabend wieder in der ARD als Commissario Brunetti zu sehen) hat mit seinen Äußerungen in unserer Zeitung eine Debatte über die Zustände in Pflegeheimen ausgelöst. Misshandlungen, Vernachlässigungen, Menschen einfach abgefertigt – ist das wirklich so? Unsere Zeitung fragte den Pflegebeauftragten der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann (56, CDU).

EXPRESS: Herr Laumann, wie schlimm ist die Lage in deutschen Pflegeheimen?

Laumann: In den Familien und Pflegeeinrichtungen wird sich mit viel menschlicher Wärme und fachlicher Kompetenz um unsere Pflegebedürftigen gekümmert. So viel Idealismus, wie er in der Pflege an den Tag gelegt wird, gibt es sonst in kaum einem anderen Bereich. Dass Ältere in unseren Pflegeheimen durchweg „wie Vieh“ behandelt würden, hat mit der Realität null Komma null zu tun. Davon konnte ich mich bei Hunderten von Besuchen selbst überzeugen. Das heißt nicht, dass es keine Probleme gibt, die wir nicht anpacken müssen.

Wo gibt es Missstände?

Die sehe ich etwa bei der Pflege von Demenzerkrankten. Das liegt daran, dass der bisherige Pflegebedürftigkeitsbegriff auf körperliche Beeinträchtigungen abstellt. Sehen Sie: Demjenigen, der sein Butterbrot wegen körperlicher Beeinträchtigungen nicht mehr schmieren kann, wird geholfen. Dagegen ist derjenige, der vergessen hat, wie das geht, oftmals auf sich alleine gestellt. Hier haben wir eine gehörige Schieflage. Das werden wir ändern.

Kockisch hat gesagt, TV-Dokumentationen über Altenpflege würden ihn an „Horrorfilme“ erinnern. Manchmal habe er sogar das Gefühl, Krankenkassen würden am liebsten „Sondermarken“ verteilen. Nach dem Motto: „Wenn alte Leute sich umbringen, bekommen ihre Angehörigen Bonuspunkte.“ Können Sie in dieser Aussage irgendetwas Wahres entdecken?

Solche Aussagen sind erschreckend – auch wenn es sich hierbei offenbar um eine bewusste Überspitzung handelt. Niemand in Deutschland kann das ernsthaft wollen. Gleichwohl finde ich etwa die Debatte um Sterbehilfe in höchstem Maße beunruhigend. Es darf uns nicht kaltlassen, wenn in Umfragen gut die Hälfte der Bürger sagt: Sie möchten selbst bestimmen, wann sie ihr Leben beenden. Das muss uns allen zu denken geben. Gerade als Christ muss es unser Ziel sein, die Angst vor dem oftmals schwierigen letzten Lebensabschnitt der Pflege oder einer schweren Krankheit zu nehmen – u.a., indem wir eine gute und menschenwürdige Pflege sicherstellen.

Ist die Pflege durch Angehörige nicht immer die beste Wahl? Was tut die Bundesregierung, um sie zu fördern?

Rund zwei Drittel aller Pflegebedürftigen werden auch zu Hause gepflegt. Die allermeisten von uns möchten in einer solchen Situation in der gewohnten Umgebung bleiben. Gerade für Demenzerkrankte ist das oftmals eine ganz wichtige Sache, sich nicht plötzlich in einer vollkommen neuen Umgebung zurechtfinden zu müssen. Daher verbessert die Bundesregierung auch die Betreuungsleistungen für die Familien. Die Leistungen der Pflegeversicherung werden um vier Prozent dynamisiert. Zudem kann künftig z.B. die Inanspruchnahme von Kurzzeitpflege, bei der ein Pflegebedürftiger für einen kurzen Zeitraum in eine Pflegeeinrichtung gegeben wird, und Verhinderungspflege, bei der die Betreuung zu Hause kurzzeitig von einer anderen Person übernommen wird, besser kombiniert werden. Darüber hinaus werden 100 Euro monatlich zur Finanzierung zusätzlicher Betreuungs- und Entlastungsleistungen für alle Pflegebedürftigen gewährt. Der Höchstbetrag für Zuschüsse zum Umbau des Wohnraums wird um 30 Prozent auf 3325 Euro angehoben. Und: Pflegende Angehörige, bei denen plötzlich eine akute Pflegesituation auftritt, sollen demnächst eine zehntägige Lohnersatzleistung in Anspruch nehmen können.